Die virtuelle Entschleunigung – Stardew Valley ist besinnlich und spaßig zugleich

Bestellt das Feld, treibt Handel und verliebt euch in die schöne Nachbarin. Noch nie war ein Spiel so unaufgeregt und dabei so reizvoll wie diese Bauernhof-Simulation

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Veröffentlicht am 22. Mai 2017 von Stefan Kluger

Habt ihr genug vom grauen Alltag, der euch oftmals den letzten Nerv kostet? Sehnt ihr euch stattdessen nach Ruhe, Entspannung und ein Stück vom Paradies? Dann kommt nach Stardew Valley, wo das Leben beschaulich und doch mit Sinn behaftet ist.

Zum Glück müssen passionierte Großstadt-Füchse nicht tatsächlich in die schöne Einöde reisen, um ihr Dasein nachhaltig zu verändern. Sie können es natürlich tun, doch ab sofort findet sich auch in der gewohnten Umgebung frische Luft, schöne Aussicht und erstaunlich viel Raum zur kreativen Entfaltung. Einfach Konsole aufgedreht, PS Store besucht und Stardew Valley heruntergeladen. Und schnell entschlossene Käufer werden belohnt, ist die charmante Farming-Simulation doch gerade im Sale: Für 8,99 Euro (statt 14,99 Euro, ein Rabatt von 40 Prozent) ist das entschleunigende Abenteuer besonders günstig zu haben – aber nur noch bis 25. Mai 2017!

Die Hommage an Simulationsklassiker wie Harvest Moon verkaufte sich auf dem PC millionenfach und schickt sich nun an, auf Playstation 4 ebenfalls einen glorreichen Siegeszug hinzulegen. Dabei beehrt die Indie-Perle, die von Eric Barone in vier Jahren Entwicklungszeit im Alleingang erschaffen wurde, später sogar noch die PS Vita mit einer eigenen Version.

Lasst also euer gewohntes Leben für eine Weile hinter euch und begebt euch nach Stardew Valley auf ein geruhsames und dennoch spannendes Abenteuer. Ein behaglicher Ort, wo die Luft noch frisch, das Gras grün und die Ernte ertragreich ist.

Aller Anfang ist schwer

Zu Beginn steht ein Umzug bevor. Denn nachdem unser Held jahrelang in einem trostlosen Großraum-Büro sein Dasein fristete, um für einen Hungerlohn einen gierigen Großkonzern noch reicher zu machen, zieht er die Notbremse. Es ist Zeit, dem Vorschlag seines geliebten Großvaters nachzukommen, der ihm zum Abschied ein ganz besonderes Geschenk machte: einen Bauernhof. Also, Job geschmissen, Kleidung gepackt und unverzüglich mit dem nächsten Bus in die Peripherie gefahren. Schließlich kann es nur besser werden, oder?

Doch die anfängliche Euphorie wird etwas ausgebremst, als sich herausstellt, dass Hof und Feld in einem ziemlich desolaten Zustand sind. Da heißt es, Ärmel hochkrempeln und anpacken. Aber ihr seid nun euer eigener Chef und könnt dementsprechend Tempo und Inhalt der Arbeit weitgehend frei entscheiden. Unter diesen Voraussetzungen (und den zahlreichen Belohnungen im Spiel) machen ja sogar schweißtreibende, an sich recht eintönige Tätigkeiten Spaß. Und die frische Landluft trägt wohl auch ein wenig dazu bei, dass die allgemeine Stimmung eine gute ist.

Ihr seht schon, die Bauernhof-Simulation zieht einen so schnell in den Bann, dass die reale Welt ringsum zunehmend verschwindet. Denn auch Gartenmuffel und handwerklich absolut unbegabte Personen werden in Stardew Valley plötzlich zu passionierten Architekten von Haus und Hof. Sogar Menschen, die in RL in Richtung ausgewachsene Sozialphobie tendieren, entwickeln sich hier in kürzester Zeit zum nachbarschaftlichen Sonnenschein, der den anderen Bewohnern stets hilfreich zur Hand geht.

Und nicht wenige von ihnen werden sich ebenfalls Hals über Kopf in eine (der zahlreich vorhandenen) Romanzen stürzen – möglicherweise wird später sogar geheiratet. Allerdings braucht ihr hierbei zu Beginn noch eine eher dickere Haut; denn schließlich seid ihr gerade erst hingezogen. Da kann man nicht erwarten, von allen Bewohnern mit offenen Armen empfangen zu werden. Deren Vertrauen müsst ihr euch erst noch verdienen – mit Geduld, Geschenken und unbedingter Hilfsbereitschaft.

Euer zunächst noch recht überschaubares Inventar bietet unter anderem Werkzeuge wie Axt, Spitzhacke und Sense, mit denen Holz, Steine sowie Gräser bearbeitet werden, um etwa das Feld zu vergrößern oder in der düsteren Mine vorwärts zu kommen. Jene ist anfangs zwar noch gesperrt, heißt jedoch schon bald neue Abenteurer willkommen. Säht also gleich einmal ein paar Zuckerrüben-Samen – unzählige andere Pflanzen werden mit weiterem Fortschritt im Spiel folgen. Und diese ersten Schritte als motivierter junger Landwirt setzen den typischen Kreislauf eines Bauernhofs in Gang: Felder bestellen, Obst und Gemüse pflanzen, ernten und verkaufen.

Dabei dauert es anfangs eine ganze Weile, bis jenes System in Schwung kommt und ihr gut davon leben könnt. Stattdessen sind die ersten Ernten überaus bescheiden, und Vieh – dieser Geschäftszweig ist bei weitem lukrativer – steht erst nach zahlreichen Stunden harter Feldarbeit zur Verfügung. Doch die Vorfreude, Haus und Hof mit allerlei (Nutz-)Tieren zu bevölkern, ist groß. Und so nimmt man auch die anderen Aufgaben mit einer spielerischen Leichtigkeit, die in der Koje eures verhassten Ex-Arbeitgebers nicht denkbar gewesen wäre.

So zugänglich wie sein süßer Look und die gemütliche Musik dies suggerieren, ist Stardew Valley dann aber doch nicht. Wer ein wenig Sandbox-Spielerfahrung mitbringt, ist hier klar im Vorteil; denn der Titel geizt mit Tutorials und schwört offenbar auf die Methode “Learning by Doing”. Zum Glück sind die meisten Funktionen im Spiel aber selbsterklärend und dürften von den meisten Konsoleros schnell verinnerlicht werden. Und all jene, die vielleicht zum ersten Mal einen DualShock-4-Controller in Händen halten, sei gesagt: durchhalten, es wird besser!

Immer was zu tun

Wer den überraschend sperrigen Start ins idyllische Landleben aber erst einmal überwunden hat, steht vor einer neuen Herausforderung: der Suchtspirale. Wo Blizzard etwa in den Bereichen Action-RPG (Diablo) und MMORPG (World of Warcraft) der nahezu perfekte Flow gelungen ist, glänzt Indie-Entwickler und Ein-Mann-Unternehmen ConcernedApe ähnlich hell bei seinem Überraschungshit Stardew Valley. Dessen Spielmechanik beginnt denkbar träge, mit nur einer Handvoll Optionen. Doch schon bald entwickelt sich ein Kreislauf, der immer mehr Möglichkeiten offenbart und mit stets neuen Reizen dafür sorgt, den Controller erst “ein wenig später” aus der Hand zu legen. Schließlich gibt es immer etwas zu tun: säen, gießen, ernten, in der Mine arbeiten, Geheimnisse entdecken oder sich einfach noch tiefer in Liebesangelegenheiten verstricken. Das Leben ist schön, scheint die Botschaft in diesem Spiel zu sein.

Während ihr also euren Hof repariert, erweitert und verschönert, wird Stunde um Stunde vergehen, ohne dass ihr es so richtig registriert. Ständig werden euch neue Anreize geboten, noch einen Tag länger vor dem Bildschirm auszuharren; spätestens wenn ihr all die süßen Tiere um euch habt, kreisen die Gedanken ständig um die Optimierung der vorhandenen Ressourcen. Und da eure Fähigkeiten automatisch mit dem Gebrauch der jeweiligen Werkzeuge steigen, ist es zusätzlich attraktiv, noch ein wenig länger im Tal zu schuften – 20 Minuten, solange dauert hier ein Tag, vergehen wie im Flug.

Freunde finden, Abenteuer bestreiten

Ihr habt heute keine Lust, trotz frischer Landluft am Feld zu stehen? Kein Problem, denn auch abseits der intensiven Landarbeit gibt es Anreize, die euch bei der Stange halten. Wie gut kennt ihr eigentlich schon eure Nachbarn? Eben, also gleich mal auf dieses große Event oder in die örtliche Spelunke vorbei geschaut, um Kontakte zu knüpfen und vielleicht sogar eine Romanze in Gang zu bringen. Dabei haben die restlichen Bewohner jeweils eigene Ansichten, Interessen und Verhaltensweisen, die es zu ergründen gilt. Das ist zwar nicht sonderlich tiefgründig, reicht aber, um euch neugierig zu fragen, wie sich die jeweiligen Beziehungen wohl entwickeln werden und wie ihr positiv darauf einwirkt.

Und geneigte Abenteurer, die sich zur Abwechslung mal nicht in der Liebe, sondern im Kampf versuchen wollen, steigen in den Minen-Dungeon hinab. Dort locken nicht nur wertvolle Ressourcen und Items, sondern es lauern auch allerlei Monster auf unvorsichtige Helden. Mit seinen 120-Levels und unzähligen Goodies bietet dieses Labyrinth sogar für erfahrene Rollenspieler genügend Futter, um lange beschäftigt zu sein.

Im Gegensatz zum offensichtlichen Vorbild Harvest Moon habt ihr eben die Wahl, was getan wird. Ob Bauernhof versorgen, gemütlich Fischen gehen, Monster jagen oder einfach nur mit dem hübschen Mädchen dort drüben flirten – nichts muss, alles kann geschehen. Das ist sicher einer der Gründe, warum nach rund 60 Stunden – 2 Jahre Ingame-Spielzeit, dann endet die Kampagne – das Endlosspiel mit offenen Armen begrüßt wird. Denn dann hat der Spaß in Stardew Valley gerade erst begonnen.

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