Until Dawn – Die perfekte Horrorfilm-Hommage

Ein Rudel hormongesteuerter Teenager in einer einsamem Berghütte und mittendrin ein Serienkiller: Der spielbare Teenie-Slasher von Supermassive Games sorgt für reichlich Schockmomente.

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Veröffentlicht am 07. Juli 2017 von Ulrich Wimmeroth

Die Idee ein ganzes Rudel wild schnaubender Hirsche, die Matt und seine zickige Freundin Emily an dem Rand einer Klippe in die Enge getrieben haben, mit der Axt anzugreifen, war wohl nicht wirklich durchdacht. Kurz nach der Entscheidung zur Gewaltanwendung, liegt der eigentlich ganz sympathische College-Junge mit zerschmettertem Schädel in einem Abgrund und Emiliy übt sich im genretypischen Dauerkreischen. Wie es die jungen Mädels in Horrorfilmen eben so machen, wenn neben ihnen die Protagonisten dahingerafft werden. Ein vermeidbarer Fehler, denn die Entwickler von Supermassive Games haben in ihrem Spiel Until Dawn in fetten Buchstaben auf dem Bildschirm eine deutliche Warnung hinterlassen: Manchmal sei es eben besser gar nichts zu machen. Hätte Matt die Hirsche in Ruhe gelassen, dann hätte das Liebespärchen wohl noch länger ihr Glück genießen können. Aber der Konjunktiv bringt den Spieler nicht weiter und auch nicht das virtuelle Leben des Protagonisten zurück. Until Dawn vergibt keine zweite Chance und nutzt ein automatisches Speichersystem, dass sich nicht überlisten lässt und das Zurücknehmen einer getroffenen Wahl partout nicht erlaubt. Also muss es jetzt ohne Matt weitergehen, sind ja auch noch genug Teenies im Spiel.

Until Dawn

Horrorfilm-Hommage vom Feinsten

Ursprünglich sollte das Mammutprojekt der britischen Supermassive Games als PlayStation 3-Titel mit Move-Unterstützung erscheinen, aber die innovative Idee einen spielbaren Horrorfilm in zehn Akten zu kreieren, wurde mit einer kräftigen Budgeterhöhung versehen und die mächtige Hardware der PlayStation 4 als exklusive Plattform gewählt. Dass die erste Planung vorsah, den Spieler aus der Ego-Perspektive durch das Spiel zu schicken, mit dem Move-Controller als Taschenlampe, merkt man Until Dawn allerdings noch an. Jede Aktion, beispielsweise das Öffnen einer Tür, muss mit einigem Tastendrücken bestätigt werden. Das wirkt bei den ersten Szenen alles ein wenig umständlich, aber fügt sich im Verlauf wunderbar in die schaurige Atmosphäre ein. Ein Beispiel: Der Spieler findet eine Leichenhalle und soll die Klappen öffnen, in denen möglicherweise die Überreste von Menschen vor sich hinmodern.

Nach dem Öffnen, wird erst noch einmal die Liege mit der R2-Taste ergriffen und dann mit dem Analogstick herausgezogen. Gleich drei Momente hintereinander, in denen man unwillkürlich nur darauf wartet, dass irgendjemand oder irgendetwas auf einen zugesprungen kommt. Die einsame Umgebung einer von der Umwelt abgeschnittenen Berghütte, die schaurigen Schauplätze, das Geheimnis einer bei einem früheren Besuch der Clique dort zu Tode gekommenen Freundin und die zu Beginn arg stereotyp wirkenden Protagonisten: Das sind alles bekannte Versatzstücke des Horrorfilms, wie sie sich in Werken wie Scream, Freitag der 13. oder Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast, wiederfinden. Die Entwickler bezeichnen Until Dawn als ein interaktives Drama und spielen dabei genüsslich mit den Urängsten der Spieler. Nicht umsonst werden beim Einstieg einige Fragen nach den persönlichen Ängsten der Spieler gefragt. Ein Tipp: Wenn ihr Angst vor Spinnen habt, gebt das besser nicht zu. Ansonsten tauchen ganz bestimmt ein paar der fiesen Krabbler auf.

Until Dawn

Schwere Entscheidungen sind an der Tagesordnung

Der Dreh- und Angelpunkt ist das ausgefeilte Entscheidungssystem, das sich auf den ersten Blick nur auf das Verhältnis der acht Teenager Sam, Matt, Mike, Emily, Jessica, Josh, Chris und Ashley zueinander auswirkt. Auf einem Statusbildschirm wird angezeigt, wie sich, je nach getroffener Entscheidung, die Charaktereigenschaften eines Protagonisten ändern und das Verhältnis zu den anderen Personen. Die Auswirkung: Aus einem Weichei kann ein echter Held werden, der sich todesmutig für seine Freunde einsetzt oder ein Macho zu einem weinerlichen Haufen Elend, der die eigene Freundin bei der geringsten Gefahr im Stich lässt. Nach jeder Episode wechseln die spielbaren Figuren, so wird im Verlauf der Geschichte mehr über die Beweggründe und Emotionen der Teenager deutlich, was dem Spiel eine enorme Tiefe verleiht, die sich hin zum finalen Akt nochmals enorm steigert und für eine ganze Reihe sehr unangenehmer Überraschungen sorgt.

Until Dawn

Der Flügelschlag des Schmetterlings

Besonders fies wird es bei sogenannten Schmetterlingseffekt-Entscheidungen. Der Name kommt von dem Begriff des Butterfly-Effects, der besagt, dass selbst ein unbedeutendes Ereignis, wie der Schlag eines Schmetterlingsflügels, in der Zukunft eine enorme Auswirkung haben kann. Beispielsweise gibt es eine Entscheidung bei einem anscheinend belanglosen Disput zwischen den Oberzicken Jessica und Emily, bei der der Spieler Partei ergreifen soll. Je nach dem wer die Zuneigung des Spielers bekommt, fühlt sich die andere benachteiligt und wird zu einem viel späteren Zeitpunkt eine überlebensnotwendige Hilfe verweigern. Angezeigt werden diese Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen durch einen Schwarm Schmetterlinge auf dem Bildschirm. Aber natürlich erst nach dem die Entscheidung gefallen ist.

Nicht nur atmosphärisch, auch optisch kann sich das gruselige Meisterwerk in der Oberliga etablieren. Die verwendete Umbra 3-Engine, die sich schon bei Killzone: Shadow Fall bewährt hat, bietet opulente Grafik. Die Protagonisten, darunter bekannte Schauspieler wie Hayden Panettiere oder Peter Stormare, wurden per Motion-Capturing digitalisiert und unterstreichen mit natürlicher Mimik und Gestik der Horror-Trip. Es soll übrigens machbar sein, dass alle acht Protagonisten das Schlachtfest überleben. Wenn nicht, auch kein Drama und einfach noch mal spielen. Es gibt reichlich Überraschungen und Geheimnisse, so dass sich mehrere Durchgänge auf jeden Fall lohnen.

Wenn ihr euch näher über die wissenschaftlichen Hintergründe der Angsterzeugung informieren wollt, sei euch dieser Artikel auf dem PlayStation.Blog ans Herz gelegt.

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